Schräger Bart und Wanderungen von Tausenden von Kilometern durch China sind die Markenzeichen von Christoph Rehage. Die meisten kennen ihn aus seinem Video bzw. durch sein Buch “The Longest Way“. 2016 erschien sein aktuelles Werk “Neuschweinstein – Mit zwölf Chinesen durch Europa“, in dem er über seine abenteuerliche Europareise mit einer chinesischen Touristengruppe berichtet. In unserem Interview erzählt der Autor über seine Liebe zu China, die Freiheit beim Reisen und seine Zukunftspläne.

Du bist Sinologe, hast in China gelebt, bist mehr als 4.600 Kilometer durch China zu Fuß gegangen und hast nun Europa mit einer chinesischen Touristen-Gruppe bereist. Was fasziniert dich an China? Hattest du ein Schlüsselerlebnis, das dein Interesse an diesem Land geweckt hat?

China und ich sind zufällig zueinander gekommen. Ich bin 2003 zum Studium nach München gegangen und wusste nicht, was für Fächer ich belegen sollte. Da habe ich mich spontan für Sinologie oder Chinakunde entschieden, weil ich der Meinung war, es sei praktisch, eine Sprache zu lernen, die möglichst viele Menschen sprachen. Es gab über eine Milliarde Chinesen, also begann ich mit dem Sinologiestudium. Am Anfang war es mir sehr fremd, nicht nur die Sprache, auch das Land und die Kultur. Ich saß ja nur in München und las Bücher. Doch als ich im Jahr 2005 nach China zog, um es besser kennenzulernen, passierte das unweigerliche: ich verliebte mich in das Land. Mit allen seinen Schwächen (den versickernden politischen Reformen zum Beispiel), aber auch mit seinen tollen Seiten (den Leuten, dem Essen, der Kultur, etc. etc.)

In deinem neuen Buch „Neuschweinstein – Mit zwölf Chinesen durch Europa“ beschreibst du, dass die Idee für diese Reise zum Teil auf deine Sehnsucht nach China zurückzuführen ist. Was vermisst du in Deutschland am meisten an China?

Es ist schwer in Worte zu fassen, aber ich vermisse neben meinen Freunden wohl am meisten die Sinneseindrücke. Die Gerüche. Die leicht verschobene Farbpalette. Die Geräuschkulisse, die die Stadt bietet, aber auch die Stille des Landes. Die Sprache mit ihren Redensarten und ihrem Humor. Und die Allgegenwart der Veränderung.

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Die Städte, die ihr in Europa bereist habt, waren München, Venedig, Florenz, Pisa, Rom, Luzern, Paris und Frankfurt. Wenn du eine Europa-Reise für chinesische Freunde organisieren solltest, würdest du andere Städte wählen und wenn ja, warum?

Ich würde hauptsächlich die gleichen Orte wählen, weil ich glaube, dass chinesische Reisende sie gerne sehen möchten. Die Reiseveranstalter haben sich das schon gut überlegt. Es gibt aber etwas, das ich unbedingt hinzufügen würde: die problematischen Teile europäischer Geschichte. Zum Beispiel einen Besuch in einer KZ-Gedenkstädte. Ich glaube, chinesische Reisende werden in dieser Hinsicht häufig unterschätzt. Als ob sie so etwas nicht interessant oder sehenswert finden würden, oder als ob es ihnen die Reise beeinträchtigen würde, wenn sie problematischer Geschichte ausgesetzt würden. Das alles mag für einzelne Leute zutreffen, aber für viele wäre es sicherlich eine große Bereicherung, zu sehen, wie Europa (gerade Deutschland) mit diesen Dingen umgeht.

Hast du durch diese Reise Europa aus einer anderen Perspektive erlebt? Wie empfiehlst du Europäern, in China zu reisen, um das Land authentisch zu erleben und nicht nur wie im Buch beschrieben „ihren eigenen Vorstellungen hinterher zu reisen“?

Ich glaube, dass wir es häufig gar nicht vermeiden können, unseren Vorstellungen hinterher zu reisen. Sie sind ja nunmal oft gerade der Grund, warum wir uns überhaupt zu einer Reise aufgemacht haben. Aber ich glaube, es ist wichtig, beim Reisen entspannt und flexibel zu bleiben. In einer Reisegruppe lässt man sich eben mittreiben und darf dann auch nicht traurig sein, wenn man nicht so frei ist, wie man das gerne hätte. Man ist schließlich Teil einer Gruppe. Wenn man hingegen allein reist, dann ist man frei, darf aber auch nicht ärgerlich darüber sein, wenn mal etwas nicht so klappt, wie man es sich vielleicht vorgestellt hatte. Es ist ja alles Teil des Erlebnisses der Reise. Das gilt besonders für China mit seiner Größe, seiner Komplexität und der Sprachbarriere, die zwischen vielen Leuten und China besteht. Einen allgemeinen Tipp habe ich aber doch: wir sollten in China mit der Zunge reisen. Das heißt, wir werden schnell ermüden, wenn wir nur geschwungene Dächer und Pagoden suchen. Wenn wir aber eine kulinarische Entdeckungsreise daraus machen und uns vornehmen, alles zu probieren, was das Land zu bieten hat, dann wird es wunderbar!

Was kommt nun? Hast du konkrete Reise- oder Buchpläne, über die wir uns freuen dürfen?

Ich bin ja seit Juli 2016 wieder unterwegs. Aber eigentlich erst mal nicht mehr in China. Das heißt, ich bin nach Nordwestchina zurückgefahren, habe meinen Handwagen geholt, mit dem ich damals zu Fuß gelaufen war, und bin mit ihm über die Grenze nach Kasachstan gelaufen. Dann nach Kirgisistan, dann nach Usbekistan. Im Moment bin ich für zwei Monate in Europa, um ein bisschen Geld zu verdienen, aber ich möchte schon noch weiterlaufen, vielleicht bis in den Iran oder noch weiter. Darauf freue ich mich. Und wenn daraus wieder ein Buch wird, umso besser! Und später dann natürlich wieder China. Sonst vermisse ich es zu sehr.

In deinem Projekt BookSlap sammelst du Reiseliteratur und schreibst Kommentare dazu. Welche der Reisebücher haben dich am stärksten beeindruckt?

Von allen Reisebüchern hat mich das Tagebuch von Robert Falcon Scott über seine gescheiterte Polarexpedition am meisten getroffen. Er schreibt nicht am besten, das ist es nicht. Ich interessiere mich auch nicht besonders für die Antarktis, das ist es auch nicht. Es ist die Tragik seiner Besessenheit, glaube ich. Ich habe geweint.

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