Wenn am Sonntag Wahl wäre, würden Sie sich für eine Partei entscheiden, die für einen Mindestlohn kämpft oder für die Partei, die eine Lohnuntergrenze fordert? Welche davon würden Sie als sozialer empfinden? Würden Sie sich nach den Hintergründen,der Finanzierung und der genaue Höhe der Untergrenze informieren? Theoretisch betrachtet, würden Sie sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzen, die Fakten abwägen und rational eine Entscheidung treffen.

Diesem weit verbreiteten Ansatz widerspricht Elisabeth Wehling in ihrem Buch „Politisches Framing“. Die Autorin erklärt darin ausführlich, warum wir uns nicht faktenbezogen, sondern emotional entscheiden und wie politische Parteien unsere Denkmuster bedacht in ihrem Interesse einsetzen.

Bleiben wir bei dem obigen Beispiel. In einem Interview in der ZEIT erklärt Wehling den Unterschied zwischen den beiden Begriffen so: „Der Mindestlohn wurde von Sozialdemokraten in die politische Debatte eingebracht: Er beschreibt die Perspektive desjenigen, der den Lohn erhält. Wenn man das Mindeste will, dann will man mehr, will nach oben.

Die CDU erfand dann die “Lohnuntergrenze”. Ein Wort, das scheinbar das Gleiche beschrieb, aber einen ganz anderen Blickwinkel hatte: die Perspektive desjenigen, der Lohn zahlt – und der so weit wie möglich nach unten will. Alles, was nicht unterhalb der Grenze liegt, ist dann in Ordnung.“

Politisches Framing

Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil beinhaltet theoretische Ansätze zur Wirkung der Sprache auf Denken und Handeln. Dabei spielt der Begriff „Frame“ eine zentrale Rolle. Darunter versteht man in der kognitiven Wissenschaft den Deutungsrahmen, der sich hinter einzelnen Worten und Sätzen verbirgt.

Die Autorin erläutert dies an einem einfachen Beispiel. Sollten Sie den Satz „Der Vogel ist am Himmel“ lesen, werden Sie diesen Vogel mit aufgespannten Flügeln visualisieren, obwohl dies nicht expliziert in dem Satz erwähnt wurde. Dies basiert auf der sogenannten Frame-Semantik. Des Weiteren geht Wehling in diesem ersten Teil auf den unbewussten Framing-Effekt auf unsere Entscheidungen und die Falle der Frame-Negierung ein.

Im zweiten Teil des Buches wird die Theorie des politischen Framings mit zahlreichen Beispielen aus der aktuellen Praxis unterlegt. “Politisches Framing” ist absolut empfehlenswert für alle, die ihre Werte durch die Politik vertreten sehen möchten.