Treffen wir unsere Entscheidungen rational oder emotional? Das Leben ist voller Glücksspiele – nach welchen Regeln wählen wir zwischen verschiedenen Alternativen und wie hoch ist unsere Erfolgsquote?

book_cover>> Zur Leseprobe

Genau diesen Fragen widmet sich der Bestseller-Autor Michael Lewis in seinem neuen Buch „Aus der Welt“. In diesem begleitet er die Freundschaft zweier israelischer Wissenschaftler. In einer Mischung aus Erzählung und Dokumentation werden dem Leser interessant und unterhaltsam nicht nur die Grundlagen ihrer Erwartungstheorie vorgestellt, sondern auch die Hintergründe von deren Entwicklung. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen Daniel Kahneman und Amos Tversky, zwei Professoren, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Der eine introvertiert und voller Selbstzweifel, der andere selbstbewusst und gesellig.

Ähnliches Foto

Amos Tversky und Daniel Kahneman in den 1970er Jahren

1970 veröffentlichten beide einen Artikel in der Fachzeitschrift „Science“, in dem sie die damaligen Annahmen über Entscheidungsprozesse völlig auf den Kopf stellten. So galt bis dato, dass Menschen über ein intuitives Gefühl für statistische Wahrscheinlichkeiten verfügen. Kahneman und Tversky bewiesen jedoch, dass Menschen systematisch Fehler begehen, sofern sie in unabwägbaren Situationen Entscheidungen treffen müssen. Für ihre Theorie erhielten sie 2002 den Nobelpreis.

Im Mittelpunkt der Theorie steht die Annahme, dass selbst Statistikern die Intuition fehlt, um zu bemerken, dass eine kleine Stichprobe nicht die Gesamtheit abbildet. Je kleiner die Stichprobe ist, desto größer wird der Fehler.

Nehmen wir als Beispiel einen Münzwurf. Es ist bekannt, dass eine Münze mit der gleichen Wahrscheinlichkeit auf ‚Kopf’ oder ‚Zahl’ landet. Daraus ziehen wir fälschlicherweise den Schluss, dass dieses Muster auch nach mehrmaligem Werfen bestehen bleibt, bekannt als „Spielerfehlschluss“. Sollte die Münze nach einigen Würfen auf ‚Kopf’ landen, so erwarten wir beim nächsten Wurf ‚Zahl’. „Als ob die Münze für Gerechtigkeit sorgen wollte.“, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Artikel – „Aber angesichts ihres eingeschränkten Gedächtnisses und moralischen Empfindens wird selbst die fairste Münze nie so fair sein, wie es der Spieler von ihr erwartet.“

Das Buch ist amüsant geschrieben und erklärt den Prozess der Entscheidungsfindung und ihrer Prognoseaufstellung an zahlreichen Beispielen.

Hier finden Sie zwei davon:

Eine Stadt hat zwei Krankenhäuser. Im größeren kommen täglich rund 45 Babys zur Welt, im kleineren 15. Wie Sie wissen, sind 50 Prozent aller Babys männlich. Der tatsächliche Anteil schwankt jedoch von Tag zu Tag – manchmal liegt er über 50 Prozent, manchmal darunter.

Über ein Jahr hinweg hielt jedes Krankenhaus die Tage fest, an denen der Anteil der geborenen Jungen bei über 60 Prozent lag.

Welches Krankenhaus kam auf mehr dieser Tage?

– das große Krankenhaus

– das kleine Krankenhaus

– etwa gleich (plus/minus 5 Prozent)

„Etwa gleich.“, lautet die Antwort der meisten Menschen hierauf. Doch das ist falsch. „Das kleine Krankenhaus.“, ist die richtige Antwort. Je kleiner die Stichprobe, umso wahrscheinlicher, dass sie nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist. An diesem Beispiel erkennt man, dass der Mensch, auch wenn er bereits die Auswirkung der Varianz auf die Größe der Stichprobe kennt, sich nicht an diese Regel hält.

Sprachwissenschaftler untersuchen die Häufigkeit, mit der bestimmte Buchstaben in der englischen Sprache vorkommen. Dazu wählen sie einen typischen Text aus und zählen, wie häufig bestimmte Buchstaben an erster oder dritter Stelle eines Worts vorkommen. Wörter mit weniger als drei Buchstaben sind ausgenommen.

Schätzen Sie, ob folgende Buchstaben häufiger an erster oder an dritter Position stehen, und schätzen Sie das Verhältnis der Häufigkeiten, mit denen die Buchstaben an der einen oder anderen Stelle stehen …

Der Buchstabe K

Steht K häufiger

  ___ an erster Stelle

___ an dritter Stelle

(bitte eins ankreuzen)

Meine Schätzung für das Verhältnis zwischen beiden Werten ist: _____ zu 1.

Auch hier antworten die meisten Gefragten falsch – „an der ersten Stelle“. Woran liegt das? Die Tatsache, dass wir uns leichter Wörter mit einem „K“ am Anfang vorstellen, führt dazu, dass wir geneigt sind, diesen Fall als wahrscheinlicher zu empfinden. Unser Urteil hängt mit unserer Wahrnehmung zusammen. Denken ist also keine unabhängige Tätigkeit.

Diese Fragen sind so gewählt, dass man ihre Wahrscheinlichkeit exakt berechnen kann. Im realen Leben spielen andere Fragen eine Rolle – wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mein Unternehmen insolvent geht?“ oder „Wie hoch ist Wahrscheinlichkeit, dass ein Kandidat gewählt wird?“ Wichtig ist, dass die Antworten, die Menschen hierauf geben, nicht auf ein angeborenes Gefühl für statistische Wahrscheinlichkeit basieren. Sie beruhen oft auf einer statistisch gesehen falschen Annahme.

Zum Autor

Michael Lewis, Jahrgang 1960, ist Wirtschaftsjournalist und erfolgreicher Autor zahlreicher Sachbücher. Er hat Abschlüsse von der Princeton University und der London School of Economics. Seine Erfahrungen als Investmentbanker verarbeitete er 1989 in seinem ersten Buch »Liar’s Poker«, das sofort auf Platz 1 der Sachbuchbestsellerliste schoss. Zahlreiche weitere Bestseller folgten. Auch sein letztes Buch, »The Big Short«, stand monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste der New York Times. Es erschien 2010 auf Deutsch im Campus Verlag.